Der Jahrgang 2011
im Rückspiegel

Was erzählt ein Jahrgang zehn Jahre später, also acht bis neun Jahre nach der Abfüllung der Weine? Hat er uns noch etwas zu sagen, oder ist er bereits verstummt? Genau dies versucht der Swiss Wine Vintage Award herauszufinden, der 2021 bereits zum 7. Mal von Swiss Wine Connection vergeben wird.
 

Woran erinnert man sich nach zehn Jahren? Das Jahrzehnt 2010 bis 2020 brachte viele denkwürdige Jahrgänge hervor wie 2010, 15, 16, 18, 19 und 20. Und an welche anderen Jahre erinnert man sich? Der Jahrgang 2011 wurde vom Wetter arg strapaziert, blieb jedoch ohne grössere Naturereignisse (Frost oder Hagel) oder besondere Krankheiten (Falscher Mehltau, Echter Mehltau, Grauschimmelfäule). Der Waadtländer Raoul Cruchon fasste das Wetter 2011 wie folgt zusammen: «Wir haben im Frühling den Sommer und im Sommer den Winter erlebt. Die Reben wussten nicht mehr, welcher Jahreszeit sie sich zuwenden sollten...».

Trotz einer frühen Blüte konnten die Chasselas-Reben einem verheerenden Frost in diesem Stadium der Reben entgehen. Und sie wurden von einem herrlichen Herbst gerettet, der es den Winzern erlaubte, mit der Weinlese bis zur perfekten Reife zu warten. Unter diesen klimatischen Bedingungen schlugen sich die Weissweine gut. Nach zehn Jahren zeigen die Chasselas-Weine ihre Qualitäten als Rebsorte, die oft zu jung oder nur in ihrer Jugend getrunken werden: Es stimmt zwar, dass sie sich zwischen vier und sieben Jahren eher zurückhaltend zeigen, nachher aber zu einer ausgeprägten Persönlichkeit zurückfinden. Sogar in den Regionen wie La Côte oder Lavaux bringen die Chasselas-Weine ihre Unterschiede bezüglich Terroir und vor allem den vom jeweiligen Winzer gewollten Stil gut zum Ausdruck. Und das ist beim 2011er durchaus der Fall!

Es war auch ein Jahr mit einer grossen Produktion, die im Landesdurchschnitt um 8,6 Prozent höher lag als 2010. Und die Zahlen zeigen, dass der Konsum von Schweizer Weinen in diesem Jahr ebenfalls zu sinken begann, nämlich um 2,3 Prozent, ein Trend, der sich in den folgenden Jahren fortsetzen sollte. Diese Parameter könnten die Entscheidungen der Önologen beeinflusst haben, je nachdem, welches Lesegut im jeweiligen Jahr zur Verfügung stand. Mehrere Winzer vermerkten, dass es die kräftigen Tannine des Jahres 2011 bei den Rotweine erforderten abzuwarten, bis sie sich abgerundet hatten. Es ist möglich, dass eine Kaltmazeration oder eine zu starke Extraktion diese kantigen Tannine noch verstärkt hat oder dass die phenolische Reife nach einem sehr kühlen Sommer nicht erreicht wurde. Bei einigen Rotweinen stellte das Degustationstrio nach zehn Jahren Reife einen Mangel an Frucht fest, insbesondere bei einigen Pinot Noirs aus der Deutschschweiz, die durch ihre Tanninmasse «eingeengt» waren.

Im Tessin wurde dem Jahrgang 2011 von Anfang an eine hohe Qualität bescheinigt: Zehn Jahre später bestätigten die Rotweine, von Bondola über Merlot «in purezza» bis hin zu Assemblages mit dominierendem Merlot, dieses Urteil. Diese Weine haben sich gut gehalten und bereiten demjenigen, der sie unter guten Bedingungen lagern konnte, grosse Geschmackserlebnisse.

Ein Wort zu den Walliser Süssweinen: Das im Spätherbst sehr trockene Jahr hat die «Edelfäule» nicht begünstigt, und die Weine wurden aus Trauben, die am Stock trockneten, gekeltert.

Es zeigt sich einmal mehr, dass mit der Zeit die Unterschiede zwischen den Weinen stärker hervortreten. Ein weiteres wiederkehrendes Phänomen: Der Verschluss, traditionell mit Kork, kann für Überraschungen sorgen. In einigen Fällen (mehr oder weniger 5%), bei denen nach der Verkostung der ersten Flasche Zweifel aufkamen, erwies sich die zweite Flasche als regelrecht «verkorkt», und man musste schliesslich eine dritte Flasche öffnen, um dem Wein wirklich gerecht zu werden. Das ist ein bekanntes Phänomen, das mit zunehmendem Alter ebenfalls zunimmt: Nach zwanzig oder dreissig Jahren ist es nicht selten, dass jede Flasche eines Weins sich anders präsentiert. Auch wenn die Formel chemisch nicht vertretbar ist, bleibt der Wein ein lebendiges Produkt. Die Beschreibungen der einzelnen Weine beziehen sich daher auf eine bestimmte Verkostung Ende Oktober 2021. Viel Spass beim Entdecken!

Pierre Thomas

Die Siegerweine

Der Swiss Wine Vintage Award 2021 nahm 100 Weine des Jahrgangs 2011 von 76 Winzerinnen und Winzern aus allen Weinbauregionen der Schweiz unter die Lupe. 44 davon stammen aus der Schatzkammer des Mémoire des Vins Suisses. Die Verkostung fand blind statt, aber unter Berücksichtigung von Rebsorten und geografischer Lage. Verliehen wurde der Award an insgesamt 70 Weine, davon 38 aus der Schatzkammer, die von der Jury 17 Punkte oder mehr auf der 20-Punkte-Bewertungsskala erhielten.

Bewertungsskala
– 17 Punkte: sehr gut
– 18 Punkte: ausgezeichnet
– 19 Punkte: herausragend
– 20 Punkte: hors classe