Der Jahrgang 2016:
fragil, aber spannend
Kaum eine Frage löst unter Weinbegeisterten so leidenschaftliche Diskussionen aus wie diejenige, was den grösseren Einfluss auf die Weinqualität besitze: Terroir und Klima einerseits, oder doch eher die Gestaltungskraft der Winzerin oder des Winzers. Die Verkostungen des Swiss Wine Vintage Awards haben sich nicht explizit zum Ziel gesetzt, diese Frage zu untersuchen. Ihr Ziel ist vor allem herauszufinden, welche Schweizer Weine nach Ablauf von zehn Jahren jene komplexe Reife erlangt haben, die sie gleichrangig neben international als nobel anerkannte Klassiker stellt, etwa solche aus Frankreich oder Italien.
Nach den drei Verkostungstagen, während derer wir in einem Viererteam im Februar 2026 die Weine des Jahrgangs 2016 verkostet haben, rückt die genannte Frage nach dem Vorrang der Natur oder des menschlichen Einfluss aber doch etwas in den Vordergrund. Auch dieses Jahr fehlt es nicht an Weinen, die den zehn-Jahres-Test mit Bravour gemeistert haben. Doch anders als in anderen Jahren fällt es schwer zu sagen, welche Regionen oder Rebsorten in diesem Jahrgang in zuverlässiger Weise hervorragen. Der Tendenz nach sind vielleicht die Weissweine aus dem Wallis mit ihren ausgeprägt würzigen Duftbildern die Gewinner des Jahrgangs, und das Tessin tat sich am schwersten. Aber diese Generalisierungen stehen auf etwas wackeligem Grund. Denn in beiden Regionen lassen sich auch Gegenbeispiele finden, und manch ein Etikett ist anders – und dabei ist zu betonen: anders, nicht schlechter – gereift, als wir es von demselben Wein aus anderen Jahrgängen gewöhnt sind.
Taucht man dann etwas tiefer ein in den Witterungsverlauf des Jahrgangs 2016, wird offenbar, dass die Vegetationsperiode eine Achterbahnfahrt war, die an verschiedenen Orten verschiedene örtliche Störfeuer für die Entwicklung der Reben hervorgebracht hat. Nach einem warmen Winter begann die Wachstumssaison auf der Alpennordseite sehr niederschlagsreich. Auf der Alpensüdseite war der Januar trocken, im März fiel dann aber Schnee bis in die Niederungen. Der Frühsommer war überwiegend feucht und brachte unwetterartige Starkregen. Auf der Alpennordseite fielen während der ersten sechs Monate 2016 bereits 75 bis 90 Prozent der normalen Jahresmengen. Im Juni trat der Bodensee an manchen Stellen über die Ufer, und der Rhein führte Hochwasser.
Der Juli war schweizweit wärmer als im langjährigen Mittel, brachte aber abermals auch starke Niederschläge, kräftige Gewitter liessen die Regenmengen im Südtessin auf 140 bis 180 Prozent des üblichen Monatswerts in die Höhe schnellen, am Zürichsee auf 130 bis 160 Prozent und in der Region Lausanne auf bis zu 200 Prozent. Wo keine Gewitterregen niedergingen, war der Juli oft trockener als üblich, so etwa in der Nordwestschweiz, im Mitteltessin und im zentralen und oberen Wallis.
August machte dann mit Rekordtemperaturen von sich reden, und die Gewitter- und Unwetterneigung setzte sich fort. In Chur beispielsweise brachte ein Gewitter am Abend des 14. August innerhalb einer Stunde 39,7 mm Niederschlag – das entspricht dem Drittel einer normalen Monatsmenge an Regen. Die Messstation Coldrerio nahe Mendrisio registrierte am Vormittag des 20. August innerhalb einer Stunde 65,9 mm Regen. Die Verteilung der Niederschläge war schweizweit jedoch sehr heterogen: In der Region zwischen Neuenburger- und Genfersee sowie örtlich im Jura war es extrem trocken; dort fielen im August 2016 nur 25 bis 35 Prozent des 30-jährigen Durchschnittswerts. Auch die Station Sitten im Wallis zeichnete im August 2016 nur 47 Prozent des langjährigen Mittels an Regen auf. Im September wiederholte sich grosso modo das Bild des Augusts: Im landesweiten Schnitt reihte sich der September 2016 als der – damals – drittwärmste (nach heutigem Stand: viertwärmste) September seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1864 ein. Auch die Gewitterneigung blieb hoch, vor allem eine Niederschlagszone, die die Schweiz am 26. September von Westen her überquerte, beeinflusste den Weinbau der Alpennordseite: In der Zentralschweiz, im Zürcher Oberland, in Schaffhausen und am Bodensee gingen in der Nacht vom 26. auf 27. September starke Gewitter nieder – zu einem sensiblen Zeitpunkt unmittelbar vor Beginn der Lese.
An diesem Punkt möchte ich zur Aussage, dass manche Weine «anders» gereift seien als üblich, zurückkehren. Die Pinot noir aus Graubünden beispielsweise wirken in der Regel aromatisch noch recht frisch, die Gerbstoffe scheinen jedoch bereits feiner und weiter entwickelt zu sein als bei Vergleichsjahrgängen, so etwa beim normalerweise für sein straffes Tannin bekannten Blauburgunder « Gian Battista » des Weinguts von Tscharner. Ganz entgegengesetzt dazu besitzt das Tannin beispielsweise der Lagen-Pinot noirs von Château d’Auvernier noch immer eine gewisse jugendliche Strenge und Adstringenz. Machen sich im ersten Fall die Niederschläge, in letzterem die Trockenheit des Hochsommers bemerkbar? Und welchen Einfluss hatte die so wechselhafte und disparate Witterung auf die jeweiligen Kelterungsideen der Produzenten? Gab es Betriebe, die unter dem Regen litten, und daher besonders vorsichtig bei Lese und Kelterung waren und ihre Weine auf Eleganz angelegt haben? Gab es solche, die unter Trockenheit litten, und daher besonders vorsichtig bei Lese und Kelterung waren und ihre Weine auf Eleganz angelegt haben? Gab es andere, die unter Regen litten, und gerade darum bei der Kelterung in die Vollen gingen und ihre Weine auf Kraft angelegt haben? Und Betriebe, die unter Trockenheit litten und gerade darum bei der Kelterung in die Vollen gingen und ihre Weine auf Kraft angelegt haben?
Auch nach drei Probentagen – und einer weiteren Nachverkostung bei ausgewählten Weinen – können wir diese Fragen nur in den Raum stellen, ohne wirklich eine Antwort zu haben. Einer solchen wird man vielleicht nach weiteren zehn Jahren näher kommen. Der Schweizer Wein-Jahrgang 2016, dieses Fazit sei indes bereits schon jetzt erlaubt, hat etwas Chamäleonhaftes an sich und scheint uns in seiner sensorischen Ausprägung extrem von örtlichen Besonderheiten und von der Reaktion der Winzer auf diese geprägt zu sein.
Ulrich Sautter
Degustationsleiter Swiss Wine Vintage Award


